5. Nix Easy – Part I

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Tag 14, Date 1, Leo

In einen Hauch „Aqua di Gió“ eingedeckt stehe ich wartend vor dem Sushi-Laden und stecke mein Handy wieder weg. Kein Wunder, dass Ali nie Eine abkriegt!

Gut, der Gedanke, dass heute eventuell ein wenig mehr gehen könnte, ging mir im Laufe des Tages schon ein-, zwei-… vielleicht auch zehnmal durch den Kopf. So gut wie wir uns neulich, nachdem noch die halbe Nacht unterhalten haben… Who knows what’s gonna happen?!

Da kommt sie auch schon die Rolltreppe aus Richtung U-Bahn hochgerannt. Und fällt dabei fast über ihre Füße. Ihre Haare trägt sie im Gegensatz zu neulich etwas wirr (anscheinend war sie heute ein wenig im Stress), aber zusammen mit dem blauen Kleid, das sie anhat, steht ihr dieser leicht chaotische Look. Mit anderen Worten, ich habe Mühe, dass mir die Kinnlade nicht zu Boden kracht.

„Hallo!“

Das war schon mal nicht schlecht.

„Äh … hi.“

Die ist doch nicht etwa nervös? Ich muss nun noch breiter grinsen. Yes! Um weiter zu punkten halte ich ihr – oldschool wie ich bin – die Tür zum Sushi-Laden auf. Läuft super!

Da wirft sie mir plötzlich mit ihren grünen Augen (Note to self: Grün! Merken!) ein charmantes Lächeln zu.

„Ähm…sorry. Das ist mir jetzt total peinlich, aber kannst Du mir vielleicht Deinen Namen nochmal sagen? Der ist mir neulich Nacht irgendwie entgangen.“ Das Ganze gepaart mit einem Augenaufschlag, der sogar Jessica Rabbit Konkurrenz machen könnte (Jaaaa, ich weiß! Sie ist eine Zeichentrickfigur! Aber jeder, der den Film gesehen hat, weiß, wovon ich rede) und ich bringe nur ein stotterndes „Ähm… Leo…“ hervor.

„Ähm-Leo? Schöner Name!“ zwinkert sie mir grinsend zu. Ich lächle – nun doch nervös. Toll! Einfach fragen und dabei einen süßen Blick aufsetzen… das hätte mir auch mal einfallen können! Doch während ich mich noch ärgere, ist sie schon zur Tür reingeschwebt.

Fünf Minuten später stehen wir vor einer kleinen asiatischen Kellnerin, die uns mit großen Augen ansieht. „Nixfrei! Nixfrei!“ wiederholt sie nun schon zum fünften Mal. „Ich weiß. Aber können Sie mir vielleicht sagen, ob in der nächsten Viertelstunde oder so was frei wird?“ Ich sage es noch einmal etwas langsamer und deutlicher, in der Hoffnung, dass sie mich doch noch versteht.

„Nixfrei! Nixfrei!“ wiederholt sie nur ein weiteres Mal. Fuck! Ich hätte doch reservieren sollen!

Da mir gerade nichts Besseres einfällt, schlag ich meiner hübschen Begleitung (es ist echt scheiße, wenn man den Namen des Gegenübers nicht weiß – aber irgendwie habe ich vor lauter Augenaufschlag den Moment verpasst!) ein uriges, urbayrisches Wirtshaus um die Ecke vor, in dem ich schon öfters gewesen bin.

„Das ist echt total nett da. Und Schweinsbraten ist eh besser als Sushi.“

„Ähm…ja…okay…von mir aus…“ stammelt sie nur etwas unbegeistert. Ihrem Blick nach zu urteilen scheißt sie auf Schweinsbraten und hat sich anscheinend schon den ganzen Tag auf Sushi gefreut. UND JETZT DAS!!! Schwupps, sind meine Pluspunkte von neulich Abend schon wieder dahin!

Etwa zehn Minuten und drei Straßen später betreten wir auch schon den „Lustigen Ochsen“ und Clausi, der Mann hinterm Tresen, den ich schon seit der Schule kenne, begrüßt uns mit einem lockeren „Griaß eich“. Clausi hat irgendwann während der Schulzeit mal angefangen hier zu arbeiten. Und heute, circa 15 Jahre später, ist er immer noch da. Clausi heißt eigentlich Felix… keine Ahnung, wie er den Spitznamen bekommen hat.

„Servus, Clausi. Hast einen Tisch für uns?“ entgegne ich.

„Suchts eich oan aus.“ Sein Blick wandert angetan zu meiner Begleitung. Er beäugt sie von oben bis unten. „Mei, wen hast’n da Scheens mitbracht?“ Clausi war schon zu Schulzeiten ein absoluter Aufreißer. Mit seinem abgefuckten Sechs-Tage-Bart- und Holzfällerhemd-Look hat er damals schon eine nach anderen rumgekriegt. In diesem Moment könnte ich mir selber eine reinhauen, dass ich mit ihr hiergekommen bin. Und das auch noch beim ERSTEN DATE!!!

„Wir nehmen einfach den da hinten – da ganz hinten – danke.“

Schnell schiebe ich meine irgendwie unruhig gewordene Begleitung zu dem Platz und überlege mir im Folgenden, wie ich das Ruder wieder etwas zu meinen Gunsten herumreißen kann. Der Abend, auch wenn er erst eine halbe Stunde alt ist, fühlt sich im Gegensatz zu neulich in der Dönerbude wie ein stotternder Motor an. Unter anderem auch, weil meine Begleitung statt so lustig und frech, wie ich sie eigentlich kennengelernt habe, heute eher ungewohnt still ist. Und warum bin ich überhaupt so nervös? Es ist ja schließlich nicht mein erstes first Date! Vielleicht weil sie seit Langem mal wieder endlich eine ist, die mir so richtig gut gefällt? Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Tatsache ist, dass ich mich gefühlt so benehme wie ein Fünftklässler der nackt vor der Klasse steht, abgefragt wird und keinen blassen Schimmer hat…

Um eine unangenehme Stille zu vermeiden, hangeln wir uns eine Weile von „Lieblingsdings“ zu „Lieblingsdings“ (Lieblingstier, Lieblingsband, Lieblingsurlaubsort, Lieblingsessen etc. pp.). Während des Essens (ich hab das Goaßbraterl, sie die Kaasspatzen) ertappe ich mich sogar dabei, wie ich mir wünsche, es möge doch eine sturzbesoffene Rothaarige vorbeitorkeln und mir ein zweites Mal auf die Füße kotzen. Vielleicht käme in dieser Situation dann der Flow wieder, den wir neulich gehabt haben! Sie denkt wahrscheinlich etwas ähnliches. Zumindest schaut sie etwas verkniffen un zupft die ganze Zeit irgendwie an einer Haarsträhne herum. Nichtsdestotrotz, muss ich sagen, fühle ich mich aber irgendwie trotzdem wohl in ihrer Anwesenheit.

„Alles gut bei dir?“

„Jaja, klar! Ich geh nur mal schnell … Toiletten sind da hinten oder?“

Damit steht sie eilig auf. Clausi, der gekommen ist, um den Tisch abzuräumen, starrt ihr unverhohlen auf den Hintern. Quadratdepp! Um ihn abzulenken, bestelle ich mir schnell ein weiteres Bier.

Ich warte zehn Minuten. Fünfzehn. Zwanzig. Mein Bier ist inzwischen wieder leer, und sie ist immer noch nicht von der Toilette zurück. Irgendwas stimmt doch da nicht! Der Abend entwickelt sich langsam aber sicher zum Gegenteil zu dem, was ich erwartet hatte.

Gerade als ich einen erneuten Blick auf die Uhr werfe, kommt sie zurück. „Sorry, dass ich so lange weg war, aber…“ Sie stockt und schaut an sich herunter, würde am liebsten im Erdboden versinken. Ich folge ihrem Blick und sehe: Sie ist total nass! Im Schritt! What the F….????

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