11. Coitus Handyruptus

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Tag 49, Date 3, Feli:

„Ganz ehrlich? Das alles ist mir sowas von suuuuper unangenehm! Das glaubst du gar nicht.“

Es ist mir sogar so scheißpeinlich, dass ich unter allen anderen Umständen, den Kontakt sofort abgebrochen hätte. Diese Kotz-Episode beim zweiten Date übertrifft sogar die Aktion mit dem Grübchenlächler damals, den ich wegen seiner Katzenhaarallergie auf meinen Tarantino ins Krankenhaus begleiten musste. Oder dem Linsen-Vorfall bei meinem Date mit dem Veganer Magic-Eyes-Tom.

Normalerweise wäre dieses Encounter zwischen mir und Leo mit unserem letzten, katastrophal-peinlichem Date also zu Ende gewesen. Moving on. Neue Dates, neues Glück. Aber dieses Mal nicht. Wir haben ja vereinbart, 150 Tage lang zu testen, wie wir zusammen funktionieren. Und das bedeutet auch, das wir alle schlimmen Eigenschaften des jeweils anderen ausloten. Bis es weh tut. Ohne gleich Reißaus zu nehmen. Ein Sozialexperiment, der anderen Art. Das ausgerechnet ich diejenige sein würde, die den ersten Ausfall hat (die nasse Hose zähle ich jetzt mal nicht dazu), hätte ich allerdings nicht gewettet. Gut gemacht, Feli!

„Ach, mei. Dass ich mit dir auf Extreme stoße, bin ich inzwischen ja schon gewohnt.“ Leo grinst mich nur amüsiert an.

Dieser Typ! Jeder andere hätte sich wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub gemacht. Ich blicke auf und bemerke, dass er mir direkt in die Augen schaut. Das macht mich irgendwie doch ziemlich nervös. Aber er guckt mich nur weiter an und grinst dabei amüsiert. Himmel!

„Wo geht’s wir eigentlich hin?“

„Siehst du dann. Ich hab was gutzumachen, deswegen dachte ich, ich lade dich zu einem kleinen Ausflug ein.“ Ich grinse ihm verschmitzt zu. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich ihn richtig eingeschätzt habe, und dass er es toll findet. Er muss es einfach toll finden!

Ich führe ihn aufgeregt wie ein Schulmädchen runter zur Ubahn.

„Ich geh da total gerne hin, ich hoffe du auch und … Was???“

Aufgrund einer technischen Störng herrscht derzeit kein Betrieb auf der Linie U3 zwischen und Scheidplatz und Fürstenried West.

„Neeeeeeiiiin!“

Ich kann es kaum glauben! Die verdammten MVV und MVG haben mir schon so einige Male die Stimmung verregnet. Aber dass sie mir jetzt auch dieses Date versauen!!

„Kacke. Kann nicht einmal, EINMAL alles glatt laufen?“ Ächzend lasse ich mich an dem verwaisten Bahnsteig auf eine Bank fallen. Ich fluche leise vor mich hin, doch Leo setzt sich nur gut gelaunt neben mich.

„Also erst Clausi und der kaputte Wasserhahn, dann der böse Alkohol – und jetzt die MVG. Wir haben aber auch Pech. Wo sollte es denn eigentlich hingehen?“

„Trbarg“ brummle ich leise und enttäuscht zwischen meinem Schmollmund hervor.

„Bitte?“ Leo grinst.

„In den Tierpark wollte ich mit dir gehen. Aber das sollte eigentlich bis wir aussteigen eine Überraschung sein.“

Ich blicke ihn vorsichtig an, Leo guckt nur undurchsichtig.

„Shit. Du findest total doof oder?“

Leo lächelt mich an. Heute hat er dank der zarten, frühlingshaften Temperaturen (trotz Regenschauern) auf eine Jacke verzichtet und trägt nur einen lässigen, weiten, grünen Pulli mit V-Ausschnitt. Der ihm ganz großartig steht, vor allem in Kombination mit wuschligen, braunen Haaren. Überhaupt finde ich, er sieht fantastisch und mega attraktiv aus. Wahrscheinlich hätte er auch einen Borat Mankini tragen können und ich hätte es geil gefunden.

„Spinnst du? Ich finde Tierpark super! War nicht mehr, seit ich aus der Schule raus bin. Aber eigentlich sollte man auch im Erwachsenenalter viel öfter gehen.“

„Logisch! Ich habe eine Jahreskarte.“ Ich grinse ihn an.

„Das glaub ich dir gerne.“ Wieder blickt er mich so intensiv an.

„Kauf dir auch eine, dann können wir vielleicht öfter mal zusammen hin.“ Ich zwinkere ihm zu. War das zu viel? Ach Mist.

„Gute Idee. Dann lass mal los, sonst haben wir nichts mehr von dem Tag …“

„Hä?“ Ich deute hilflos auf die fiese Anzeige über uns. „Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast, aber daraus wird erstmal nichts.“

Leo steht nur lachend auf und reicht mir seine Hand, um mir hochzuhelfen.

„Ich hab ein Auto, Drama-Queen. Des parkt glei um’s Eck.“

Keine Fünfzehn Minuten später haben wir uns durch den Innenstadtverkehr bis zum Tierpark durchgeschlagen.

„Hallo … zwei Mal Kinder bitte!“ Ich grinse die Dame an der Kasse breit an. Die findet meinen Gag leider nur so semikomisch. Aber Leo kann ich damit zumindest ein Grinsen entlocken: „Haben sie noch diese Bollerwägen zum Ausleihen?“

„Ja, warum?“ Die Dame mustert ihn skeptisch.

„Na, ich dachte du könntest mich ziehen?“ Er zwinkert mir zu.

Ufff. Der war jetzt aber mal lame! Leo scheint das nun auch zu merken und zahlt daher eilig seine Erwachsenen-Eintrittskarte. Süß.

Im Park selbst ist es dann ziemlich awesome. Wir gehen von Gehege zu Gehege, bewundern Erdmännchen, Giraffen und das inzwischen ziemlich groß gewordene Nashornbaby. Wir hüpfen auf der Hängebrücke. Leo macht witzige Fotos von mir von meinen Lieblingstieren, den Bartschweinen. Und dann machen wir ein Selfie zusammen mit den obligatorischen Tierpark-Pommes mit Ketchup. Natürlich saue ich mich dabei prompt ein, was aber nicht ganz so arg schlimm ist, weil es Leo als Anlass nimmt, mich abzuknutschen.

Überhaupt küssen wir uns ziemlich viel. Alle paar Meter bleiben wir stehen und knutschen. Zwischen den Elefanten und dem Tropenhaus. Nach den Tigern und vor den Pinguinen. Im Fledermaushaus (wobei das zugegebenermaßen nicht ganz so romantic ist, da mir erst der Duft der alten Bananen in die Nase steigt und ich mich dann vor einen Fledermaus im Tiefflug so erschrecke, dass ich Leo fast die Lippe blutig beiße).

Hmmmmm. Dieser Mann küsst einfach toll! Und es macht so viel Spaß, dass es mir fast schon egal ist, dass wir eigentlich für dieses Teenager-Geknutsche zu alt sind. Ich krieg einfach nicht genug!

Ich schlecke gerade zufrieden ein Eis, als mir etwas Merkwürdiges auffällt. Ich blicke an meinem Arm herunter.  Was???? Wir halten Händchen! Oh mein Gott!

Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass ich die totale Zu-schnell-zu-nah-Phobie habe. Händchenhalten empfinde ich als perfide und es löst normalerweise schnell klaustrophobische Zustände bei mir aus.  Und jetzt das – und ich habe es nicht mal gemerkt!

Unruhig lasse ich Leos Hand los und versuche, zu überspielen.

„Ich glaub, wir sollten langsam zum Ausgang, sonst sperren sie uns noch ein. Und eine Nacht im Tierpark finde ich dann doch nicht soooo berauschend.“

Leo zuckt mit den Schultern: „Kann auch nicht extremer sein, als eine Nacht in der Dönerbude oder verkatert über dem Klo.“ Er grinst. Super. Das kann ich mir jetzt die nächsten Jahre … äh … 110 Tage anhören.

Leo fährt mich noch bis zur Haustür und während der Fahrt erfahre ich wieder ein wenig mehr von ihm: Dass er mit seinem besten Kumpel Ali schon zu Schule gegangen ist, dass er ein wenig Gitarre spielt (seeeeehr cool!), dass er als Kind gerne Schaf-Hirte werden wollte …

„So, hier sind wir.“

Ich staune. „Ich hab dir die Adresse gar nicht gesagt, woher weißt du …“ Ich werde rot.

„Jetzt hör endlich mal auf, dir einen Kopf zu machen! Irgendwann wird auch der Zeitpunkt kommen, da musst du mich stockbesoffen nach Hause bringen.“ Er grinst und hält mir ganz Gentleman-like die Tür auf.

Ich steige aus und bevor ich mich recht versehe, hat er mich schon an sich ran gezogen und küsst mich – lang und intensiv. Ich lasse mich ganz in den Kuss fallen, da spüre ich plötzlich was an meinem Bein.

Brrrrrr. Brrrrrr.

„Nur mein Handy. Ignorier es einfach.“, flüstert er leise zwischen zwei Küssen.

Als wir uns voneinander lösen, kann ich nicht anders, als ihn halb flirtiv, halb dümmlich anzugrinsen.

„Willst du … also … äh ….“

Meine Fresse. Ist es so lange her, dass ich einen Kerl gefragt habe, ob er mit hochkommt? Zumindest, dass es ein Typ war, den ich echt gern mochte. Irgendwie wollte ich es einfach nicht versauen. Aber noch mehr wollte ich ihn, in meiner Wohnung. In meinem Bett. Und dieses Mal nüchtern. Reiß dich zusammen, Feli!

Ich setze mein flirtivstes Lächeln auf. „Ich hab noch ein bisschen von dieser großartigen Trüffelsalami, die mir meine Mutter aus ihrem letzten Italienurlaub mitgebracht hat. Die ist echt köstlich!“

Trüffelsalami?! What the f… ist eigentlich los mit dir, Feli?!

Leo grinst nur.

„Trüffelsalami, soso.“

Damit nimmt er erneut mein Gesicht in seine Hände und küsst mich, bis mir ganz schwindlig wird. Seine Hände wandern langsam von meinem Gesicht nach unten, streichen über mein Dekolletee … Oh mein Gott! Ich ziehe ihn näher an mich ran, wobei ich schon mal vorsorglich einen kleinen Schritt rückwärts Richtung Haustür machen.

Brrrrrrrrrr. Brrrrrrrr. Brrrrrr.

Und schon wieder dieses doofe Handy!

„Sorry.“

Leo lässt zerknirscht von mir ab und zieht nun doch das Handy aus seiner Jackentasche. Sein Blick fällt auf das Display – und plötzlich verändert sich seine Miene. Er starrt eine Sekunde auf sein Smartphone, dann steckt er es wieder weg und lächelt mich an, in einer Mischung aus Wehmut und Glücksgefühl.

„Wir sehen und hoffentlich ganz schnell wieder?“

„Ich … was??“ Ich starre ihn nur verdattert an.

Leo drückt mir nur einen langen Kuss auf die Lippen und sieht mich dabei irgendwie komisch an.

„Servus! Bis bald.“ Er dreht sich um – und ist weg.

Ich bin so überrumpelt, dass meine Gehirnwindungen noch nicht wieder richtig funktionieren. Erstmal sortieren: Hat er mich gerade wirklich trotz Aussicht auf Sex einfach stehen lassen?? Welcher Mann tut so was?? Und was hat es mit diesen ganzen Nachrichten zu tun?!

Ich stehe noch einen Moment völlig verdattert einfach nur in der Hofeinfahrt.

Was zur Hölle ist da los?!

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