Ärzte ohne Grenzen

(c) KL

Montag, 6.4., Tag 27

Woooaaaaaaaah.

Dieser Moment. Wenn der Wecker in der Früh penetrant klingelt. Und die kleinen Männchen mit ihren Schlagbohrern fröhlich auf der Stirn herumhüpfen. Und man das Gefühl hat, eine alte Tennissocke liegt im Mund. Aweful! Just plain aweful.

Da ist das Beste, man rührt sich einfach nicht – für die nächsten zwei bis vier Stunden. Oder textet die am nähesten wohnende Freundin an, um sein Leid zu beklagen und die Besorgung von Salzbrezeln und Aspirin in Auftrag zu geben.

Das Un-Beste was man tun kann, ist, sich aus dem Bett zu schälen und auf ein Brunch-Date zu gehen. Ja, ich würde sogar wagen zu behaupten, dass dies das absolut und unbestreitbar Stumpfsinnigste ist, was man in so einer Verfassung tun kann. Totaler Schmarrn. Bei mir sträubt sich jede verkaterte Faser meines Körpers, als ich mich an diesem Samstagmorgen in meine schicke neue Lederimitat-Hose zwänge, meine Boots aus dem Schrank hole und versuche mit massig Make-Up, einer hippen Hochsteckfrisur und viel Schmuck zu retten, was noch zu retten ist. Aber was soll ich tun? Das Date mit dem Arzt ist halt einfach ausgemacht…

Nachdem wir uns ein paar Tage nett hin- und hergeschrieben haben, bin ich auch direkt darauf gespannt, ihn näher kennen zu lernen. Zumindest war ich das bis gestern. Heute wäre mir eher danach, mich verarzten zu lassen, statt mich mit einem Arzt auf einen verfrühten Oster-Brunch zu treffen!

Der ist allerdings der perfekte Gentleman, als er mich und meinen Brummschädel wenig später mit Küsschen links und rechts vor der vereinbarten Lokalität empfängt. Er spricht mir ein Kompliment aus (ein Hoch auf die Make-Up-Industrie!) und als wir eintreten, übernimmt der Arzt, seines Zeichens auch McCharming, sofort das Ruder: „Ich habe für elf Uhr reserviert auf XY, ein Tisch am Fenster – wo es nicht so zieht? Zwei Personen?“.

Toll, wie er seinem Mann steht! Kaum an unserem Platz angekommen, nimmt er mir auch meinen Mantel ab und schiebt mir ganz selbstverständlich den Stuhl hin. Ich bin irritiert. So was…

Ich bin immer noch fasziniert, als mich eine schlecht gelaunte Bedienung aus meinen Gedanken reißt: „Und? Wissen Sie‘s schon? Wir haben heute Oster-Special. Eggs Benedict, scrambled eggs mit oder ohne Speck, Eier im Glas, verlorene Eier mit Spinat, Omelette…?“, sie sieht mich auffordernd an. Mein Schädel meldet sich pochend. „Ääääääh….“, hektisch blättere ich in der Karte. „Wir nehmen die Eggs Benedict, dazu extra Brot, einen Obstsalat und…zwei Cappuccino?“, McCharming lächelt mich an – mehr eine Aussage, als eine Frage. Ich nicke gehorsam, soweit es der Kopfschmerz zulässt: „Und ein großes Glas Wasser. Danke.“.

Die Kellnerin zieht geschäftig ab und während ich mir noch überlege, ob ich diese Art der „Machtübernahme“ nun sexy oder ein bisschen too much finde, beginnt McCharming schon das Gespräch. „Also…du hast gesagt du bist Journalistin. Das finde ich wirklich spannend. Ich habe früher auch für die Studentenzeitung geschrieben, aber das war es dann auch schon, mit meinem literarischen Talent.“. Er lacht – und sieht mich dann auffordernd an.

Oh Mann, ich fühle mich wirklich nicht in der Lage, ein ordentliches Gespräch zu führen. Einzelne Erinnerungsfetzen des gestrigen Abends holen mich ein: Sammy, die nach vier Whisky on the rocks aufsteht, ihr Glas schwingt, beginnt auf die deutsche Werbeindustrie zu schimpfen und dabei zum Pseudo-Gangster-Rapper mutiert („I mean…shit…warum sagen die dir, dass dein Haar super samt und seidig wird, wenn das never ever wahr ist!! This is some kind of bullshit, bro! Shit man! Don‘ shit with me…man! Yo!“). Oder Olli, der nach ebenso vielen Whisky davon überzeugt ist, ein derartig guter Fussballer zu sein, dass er von Sammys Küche aus quer über den Hausgang und durch das geöffnete Fenster im Flur schießen kann… und dann der zetternde Hausmeister! Und ich, die ich in meinem Suri beweisen möchte, wie nüchtern wir noch sind und mit der glimmenden Zigarillo meine Nasenspitze treffen möchte…und sie (Gottseidank!) verfehle. Bei dem Gedanken fährt meine Hand zu der kreisrunden, schmerzenden Brandwunde an meinem Oberarm. Der war aber auch süffig, dieser Whisky…

„Geht es dir gut?“, McCharming lächelt mich mit seinem charmigsten Lächeln an. Er sieht ziemlich gut aus, das muss man ihm lassen. Doch mein Kopf beginnt sich wieder zu drehen. Mühsam lächle ich zurück:

„Ja ja. Also…so spannend ist mein Leben nicht (von wegen!). Erzähl du zuerst. Ich meine Arzt, wow!“.

Mann hab ich nen Schädel…

„Naja..“, er ist definitiv geschmeichelt, winkt aber scheinbar nonchalant ab, „das ist nichts Großartiges. Ich arbeite in der Gefäßchirurgie….“

Und schon bricht ein höflicher, aber beeindruckender Redeschwall über mich herein – über einen nicht minder beeindruckenden Lebenslauf. Wobei McCharming noch Assistenzarzt ist, das sollte man erwähnen. Und überhaupt – er ist bestimmt nicht der Einzige, der bereits mit 25 das Medizinstudium fertig hatte. Und außerdem haben so überengagierte Ärzte ja meistens keine Zeit für Privatleben, geschweige denn irgendwelche Hobbies…

„Oh doch, ich liebe Musik! Ich spiele Geige seit ich fünf bin. Ich hab auch in zwei Orchestern gespielt, aber dazu habe ich jetzt leider keine Zeit mehr. Ich habe zusammen mit einem Kollegen Gelder für ein Förderprojekt bekommen. Nächsten Monat geht’s nach Bolivien, ich helfe da ein Krankenhaus zu bauen…“

Bitte…

„…für Kinder.“

Hör doch auf jetzt!

„Aber ich bin auch gerade dabei, eine Band zu gründen.“

„Ach?“, ich horche interessiert auf, musikalisch isser auch! Außerdem bin ich auch auf der Suche nach einer Band.

„Ja, aber es ist wirklich unglaublich schwer, halbwegs gute Musiker zu finden. Und ich habe mir ohnehin vor ein paar Jahren noch Schlagzeug und Klavier beigebracht. Da begleite ich mich lieber selber, bevor ich unzufrieden bin.“, er lacht selbstbewusst.

Mir steht der Mund offen… Die Bedienung stellt die dampfenden Eierspeisen vor uns ab – und plötzlich wird mir übel. Ob vom Rest-Alkohol, dem unfassbaren Perfektionismus oder dem glibbrigen Eierschleim  – ich weiß es nicht.

„Sorry, ich muss kurz…!“, hektisch stehe ich auf, drehe mich um – und rumple direkt mit der Bedienung zusammen. Eine volle Tasse mit warmen Tee (zum Glück sind sie hier im Lokal nicht so zuverlässig mit der eigentlich üblichen Kerntemperatur von Teewasser) ergießt sich über meinem Arm. Der Schmerz, den die warme Flüssigkeit auf meiner selbstverursachten Brandwunde auslöst, vertreibt schlagartig meine Übelkeit. McCharming ist sofort alarmiert aufgesprungen – natürlich. Er ranzt die arme Bedienung an und führt mich fürsorglich zurück zu meinen Stuhl. Das wäre ganz schön sexy – wenn nicht das halbe Restaurant zu sehen würde, wie er mich  „verarztet“. „Setzt dich erst mal hin. Ganz ruhig. Ich seh mir das gleich mal an…“.

„Nein!“, ich will ihn aufhalten, aber da hat er schon meinen Ärmel hochgerollt und starrt auf mein Souvenir von letzter Nacht. Das – und mir wird wieder übel – inzwischen eine kleine Eiterkruste gebildet hat. Ich will mich peinlich berührt erklären, doch McCharming stoppt meinen Redefluss – mit einer cheffigen Handbewegung. Hallo?!

„Das muss behandelt werden. Sofort.“. Ich zucke mit Schultern. „Ich hab ein Pflaster irgendwo…“. Doch McCharming starrt mich nur an. „Ich meine steril behandelt werden!“, er zieht mich sanft aber bestimmt auf die Beine, „ich fahre dich ins Schwabinger.“.

Um mich herum zerschmelzen einige der anwesenden Damen schmachtend ob so viel ärztlicher Männlichkeit. Aber ich reiße nur die Augen auf: „Ins Krankenhaus? Nix da!“.

Ich hab voll die Krankenhausphobie. Gut, es macht mich schon an, dass dort immer alles so perfekt clean, ordentlich und steril ist. Allerdings bekomme ich schon bei dem Gedanken an Nadeln, Skalpelle und Operationstische den blanken Horror. McCharming sieht mich skeptisch an, doch ich werde trotzig: „Niemals nicht kriegst du mich in ein Krankenhaus. Wegen dem Kratzerl da. Des is morgen eh verheilt. Und außerdem….meine Mamma ist ja auch Ärztin!“ (wenn sie das jetzt hören würde!). Ich gebe mich überzeugt. McCharming sieht mich ernst an. „Schön. Wenn du willst, dass sich die Wunde über Nacht infiziert und du zusätzlich zu der eitrigen Infektion noch eine Sepsis bekommst…“

Fünfzehn Minuten später sitze ich auf der Behandlungsliege in der Notaufnahme des Schwabinger Krankenhauses – und McCharming fachsimpelt mit dem anwesenden Arzt über den Eiter-Grad meiner Wunde. Bestes first Date ever.

Arzt: „Das hat sich ziemlich entzündet..“

McCharming: „Ja, sehen Sie…die Wunde nässt ganz schön…“

Arzt: „Da sieht man mal wieder, wie wichtig die richtige Wundversorgung vom ersten Moment an ist…nicht dass der Arm abfällt!“

Kollegiales Gelächter.

Arzt: „Wie ist das eigentlich passiert?“

„Äh…also ich…“, ich werde rot wie ein Schulmädchen, „also wir hatten da echt brasilianische Zigarillos und äh…naja…wie das halt so passiert.“. McCharming zwinkert erst mir, dann dem anderem Arzt zu „Mach dir nix draus Felizitas, wir waren alle mal jung.“. Erneutes Gelächter. Was geht denn eigentlich??!!!

Nachdem die Wunde professionell gereinigt, mit einer Salbe versorgt und steril verarztet ist, geleitet mich McCharming vergnügt zu seinem Auto. Er hält dabei begeistert Vorträge über verschiedene Arten der Wundinfektion. Er ist aufgeladen, wie nach einem guten Orgasmus. Reizend. Sehr reizend.

Schließlich hält er mir die Tür auf und lächelt mich charmant an: „Nun, das war ja nicht wirklich das klassische erste Date. Denkst du, wir haben die Chance auf einen zweiten Versuch?“. Ich drücke die Packung mit sterilen Herzchen-Pflastern, die ich noch abstauben konnte, kritisch an meine Brust. Und weil ich zumindest ein bisschen von meinem Stolz zurück gewinnen möchte, sage ich: „Das muss ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen!“. Wenn mein infizierter Arm bis dahin nicht abgefallen ist.

2 Comments

  1. Iiiiih, ist der Typ gräßlich. Arg, arg, arg. Für die Frau mitbestellen geht schon mal gar nicht (egal wie verkakert sie ist) und dann noch die ganze Nummer im Krankenhaus (die mir persönlich ein bißchen over the top vorkam – mein Arzt-Mann würde mich jedenfalls nicht wegen eines vereiterten Kratzers ins Krankhaus schleppen. Andererseits: Der ist ja schon mit mir verheiratet und muss sich nicht mehr groß-balzen. ;-))… Feli, das musst Du Dir nicht geben. Bitte keine Rückkehr in den Prä-Feminismus. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.