Vegane Fleischeslust

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Mittwoch, 24.6., Tag 106

Tom, „ein fettfreier Soja-Latte, bitte“, war mir eigentlich gleich sympathisch.

Ich wundre mich selbst, dass ich mich nicht sofort an ihn erinnern konnte. Wir standen in einer Schlange im Hugendubel-Café, Tom bestellte einen fettfreien Soja-Latte – und ich hab gleich aufgemerkt. Selten bestellt ein Mann diesen wenig schmeckenden, pseudo-gesunden Kaffee. Ich hatte lange eine Phase, in der ich sicher war, total Laktose-intolerant zu sein. Die Phase, in der plötzlich ¾ aller Deutschen total Laktose-intolerant war. Arme Milch. Voll intolerant gegenüber der Milch!

Ich hab immer wieder verschiedene Kaffee-Variationen ausprobiert: low fat, vollfett, low carb, Soja, Brazilian blend, etc. (nur nicht decaf, das ist nun wirklich pervers!). Um zu sehen, was am gesündesten, hippsten und verträglichsten ist. Ich bin wieder beim normalen Latte gelandet, nur ab und zu bilde ich mir ein, grad wieder Milch nicht so gut zu vertragen…

Tom bestellt also „Einen fettfreien Soja-Latte, bitte“, und ich muss grinsen, als ich direkt nach ihm exakt dasselbe bestellte, nur in Medium und to go.

Tom lächelt mich augenzwinkernd an: „Hey…bist du mein Echo?“

Ich lächle zurück: „Wieso? Wie man in den Kaffee-Wald schreit, so kommt’s zurück – sagt man doch?“

Okaayyyy…nicht gerade kreativ. Aber spontan.

Tom lacht auf jeden Fall. Ob aus Mitleid, oder weil er meinen Spruch witzig findet – keine Ahnung.

Wir schieben uns noch zwei-drei weitere witzige Sprüche zu – und dann sind die Kaffee fertig…und ich muss leider dringend weiter.

„Na dann…hat mich sehr gefreut, dich kennen gelernt zu haben, Frau Soja-Latte.“, Tom lächelt und zwinkert mir zu.

Ich war dank Arbeitsstress schon eine gefühlte Ewigkeit (mindestens zwei Wochen!) nicht mehr auf einem Date. Also denk ich mir, was soll’s, dreh nochmal um und drück ihm meine Karte in die Hand: „Übermorgen hätt ich Zeit.“. Ich lächle verführerisch (denke ich zumindest, vielleicht war es aber auch eher ein grenzdebiles Grinsen).

„Geht klar, ich melde mich!“, Tom grinst zurück. Nicht grenzdebil. Sondern eigentlich ganz süß.

Tja…und dann kamen mir ja meine Mandeln dazwischen. Aber nun, wieder pillen- und keimfrei, steht endlich das Date mit Tom, „Einen fettfreien Soja-Latte, bitte“, an.

Der macht gerade, wie er mir am Telefon enthusiastisch erklärt, eine Art vegane Phase durch. Ich bin, das muss ich zugeben, nicht uninteressiert. Nicht nur, weil ich grade einen Online-Artikel über den neuen Veganer-Trend geschrieben habe. Insgeheim habe ich schon öfter drüber nachgedacht, mal meine geliebten Rinds-Rouladen durch Linsentalern zu ersetzen. Aber ganz ehrlich…wer hat seinen inneren Schweinehund schon im Griff??

Tom scheinbar schon. Allerdings ist er noch in der veganen Anfangsphase und daher als bekennender Burger- und Knödelfan noch sehr anfällig für alle tierischen Verlockungen.

„Ich will nicht rumnerven im Restaurant. Wie wär’s, ich koch für uns?“

Beim ersten Date gleich zum Mann nach Hause, wenn auch nur zum Essen, ist ja nun wirklich entgegen jede Date-Regel. Aber was soll’s.

Ich bringe ganz charmant einen schweinsteuren, sorry: weizenteuren, veganen Wein mit und schon an der Tür schlägt mir ein verführerischer Duft von exotischen Gewürzen und Knoblauch entgegen.

„Ich hab ein neues, veganes Kochbuch mit ein paar ausgefalleneren Gerichten. Es gibt einen türkischen Linseneintopf!“, Tom empfängt mich vorfreudig mit bekleckerter Kochschürze und rotem Kopf.

Eine halbe Stunde später lassen wir uns den deftigen Linsenbatz und den Wein schmecken. Und…es schmeckt wirklich.

„Mmmmmm…“, ich schlecke meinen dritten Teller aus, „…das war scharf. Aber gut scharf! Ich wusste gar nicht, dass veganes Essen so deftig schmecken kann.“, ich lächle Tom bestätigend zu. Das hat er sich auch verdient.

„Das sind die Gewürze. Die bringen ein bisschen Pfiff in das Ganze.“, Tom zwinkert mir zu und nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas.

Pfiff indeed. Ich bin ziemlich vollgefressen, hab das Gefühl mein Bauch ist eine riesige Kugel. Weil ich auch nie genug bekommen kann! Naja. Das legt sich bestimmt gleich wieder.

Tom blickt mich zufrieden an: „Ich mach das ja erst seit ein paar Wochen, aber ich fühl mich schon viel gesünder, wirklich!“

Hmm…da isst er wohl nicht so oft Linsen. Ich fühle mich grade nicht so gesund. Im Gegenteil. Mein Bauch verwandelt sich langsam wirklich in einen Ballon.

„Du meintest, du bist Online-Redakteurin…erzähl mal!“, Tom sieht mir lächelnd in die Augen.

„Ja…also ich hab mal als Praktikantin angefangen…oooh…“, in meinem Bauch haben sich die Linsen quer gelegt und brummeln leise. Ich halte mir schnell meinen Wanst. „Ja. Tja. Äh…und jetzt bin ich Redakteurin.“. Zum Glück hat Tom nichts bemerkt, sondern sieht mich weiter interessiert an. Oh Mann. Das ist nicht gut. Linsen, scharfe Gewürze, Knoblauch. Ich hätte es wissen müssen. Mein Verdauungstrakt ist eine alte Zicke. Und ziemlich schnell mit mir beleidigt.

Und wieder beschwert sich mein Magen: Grrrrrrrrmmmmlllll. Ich bin mir sicher, dass gerade die Queen drüben auf der Insel irritiert aufhorcht: „Pardon me?“

Tom aber steht nur auf, um abzuräumen: „Wollen wir uns rüber auf die Couch setzen, das ist gemütlicher.“

Damit ich die Couchecke in einen fliegenden Teppich verwandle?? Sicher nicht.

„Ach…es ist doch endlich mal schön draußen. Wollen wir nicht noch eine Runde spazieren gehen?“

Tom blickt mich verwundert an. „Es ist neun Uhr Abends? Und es nieselt…“

„Ja!“, ich setze mein euphorischtes Lächeln auf, „Ist doch toll! So ein bisschen…frische Luft.“ . Oh Mann. „Ach, weißt du was, ich geh allein. Dann kannst du in Ruhe abräumen.“. Yes…sehr schlau, Feli! Ich find ihn nämlich wirklich ganz nett und würde gern noch ein bisschen Zeit mit ihm verbringen – gasfrei.

„Ach Quatsch.“, Tom winkt selbstverständlich ab, „Wir haben ein Date. Natürlich begleite ich dich.“

Super. In den folgenden zehn Minuten schwillt mein Bauch von Ballon zu Heliumballon an. Und während ich in völlig abstruser Weise immer wieder versuche, ein paar Meter hinter Tom zurückzufallen („Muss nur schnell meinen Schuh binden.“, „Ich geh nur schnell zurück, um zu sehen, wie die Straße heißt.“), denkt der bestimmt langsam, dass ich irgendeinen Schaden habe.

Als wir zurück in die Wohnung kommen, habe ich das Gefühl, die Situation zumindest ein bisschen entschärft zu haben. Tom nimmt mir charmant die Jacke ab.

„Es ist wirklich schön, sich mit dir zu unterhalten. Nicht mit jeder Frau kann man so gut gleichzeitig über Polit-Thriller und Ernährungstrends reden.“, er grinst.

Ganz ehrlich, hätten wir noch eine Minute länger über die Kohlsuppen-Diät gesprochen, hätte er sich gewünscht, das Wort „Kohl“ nie auch nur in den Mund genommen zu haben.

Tom sieht mich etwas irritiert an: „Was ist? Du wirkst schon wieder ein bisschen verkrampft.“

Ach nee! Aber er lächelt mich schon wieder so nett an und abgesehen von meinen spontanen Fluchtversuchen war die Unterhaltung eben wirklich gut! Ich würd mich schon gern mit ihm entspannt auf die Couch setzen jetzt…und vielleicht auch ein wenig kuscheln. Scheißdreck.

„Komm, wir trinken noch ein Glas von deinem tollen Wein auf der Couch…Was meinst? Keine Angst…ganz ohne Druck.“

Buhuhuuuuuuuuu.

Tom holt entspannt die Flasche und die zwei Gläser vom Tisch.

Grmmmmmmml. Die Linsen in meinem Bauch tanzen Tango. Ich setze mich total verkrampft aber gleichzeitig so entspannt wie möglich auf die Couch. Grrrrrrrmmmmmmmmmml.

„Wie wär’s mit Musik?“, ich lächle Tom gezwungen an.

„Gute Idee.“.

Eine Minute später ertönt Moop Mama aus den Boxen…und moop aus meinem Bauch. Ich kämpfe stark gegen meinen eigenen Körper an. Tom setzt sich lächelnd neben mich. Nah. Viel zu nah! Und ich merke plötzlich – wenn ich jetzt nicht kurz austrete… Nun gut. Lassen wir die Details.

„Äh…wo ist denn deine Toilette?“

Es ist furchtbar – jede Frau weiß, was für ein Ding das ist, zum ersten Mal bei seinem neuen Partner ein „Ding“ zu tun. In der fremden Wohnung und unter Anwesenheit des Mannes, der einen in der Anfangsphase nur in zusammenpassenden, heißen Dessous kennt, immer frisch geduscht, hübsch frisiert und umwerfend charmant. Frauen haben da ein Problem mit. Frau geht lieber mitten in der Nacht aufs Klo, wartet, bis sie zuhause ist, oder bis der Partner kurz den Müll runterbringt – statt auf Gefahr zu laufen, ein unangemessenes und unschönes Geräusch zu produzieren, das sich wahrscheinlich für immer in das Gehirn des Partners einbrennt . Männer, tja, die sehen das alles um Einiges lockerer. Manche wagen es sogar, mit Absicht durch geschlossene Toilettentüren mit einem zu kommunizieren. Und zwar dann, wenn man sich gerade an die diffizile Klo-Situation gewöhnt hat. Merci auch!

So. Und dann stelle man sich diese Notsituation bei einem Date vor. Einem FIRST Date!

Ich sterbe tausend Tode auf diesem fremden Klo. Tausend mehr, als ich es vorher auf der Couch getan habe. Ich habe aber keine andere Wahl. Clever wie ich bin, versuche ich zumindest krampfhaft, eine umfassende Geräuschkulisse zu bilden, die jeglichen anderen Geräusche, die in diesen engen vier Wänden entstehen, überdeckt.

„Ok Feli, denk nach…..“, ich blicke mich schwitzend nach möglichen Percussion-Instrumenten um. Ein Fön! Perfekt. Doch gerade als ich das Gerät starten will, fällt mir ein, dass es durchaus schwierig werden könnte, das zu erklären: Ich habe eine perfekte Hochsteckrisur.

Ich entscheide mich dazu, den Wasserhahn voll aufzudrehen, rupfe gleichmäßig und lautstark Toilettenpapier vom Spender und klappere zeitgleich mit dem blechernen Mülleimerdeckel. Eine Toiletten-Sinfonie zur tonalen Vertuschung. Warum sind wir eigentlich nicht in China, wo es Klo-Kabinen gibt, die genau das tun – vollautomatisch??

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Plan geklappt hat – rede es mir aber ein, um halbwegs guten Gefühls aus dem stillen Örtchen zu kommen.

Ich setze ein Lächeln auf, trete zur Tür heraus – und pralle gegen Tom, der direkt vor der Tür steht.

Mein Herz rutscht in die Hose. Oh no!

Tom atmet erleichtert aus. „Gottseidank! Boah…diese Linsen. Aber dich haben sie ja auch dran gekriegt, oder?!“, ohne eine Antwort abzuwarten rauscht er an mir vorbei, zieht eilig die Tür zu – und legt los. Ohne auch nur den Versuch, eine alternativen Geräuschkulisse herzustellen.

„Sorry…Mann. Nächstes Mal koche ich uns was verträglicheres, versprochen!“, hallt es gut verständlich durch die geschlossene Tür. Wie gesagt. Ohne alternative, überdeckende Geräuschkulisse.

„Äh…ja. Also…ich geh dann mal!“, rufe ich Richtung Klotür und schnappe mir meine Jacke.

Süß hin oder her. Aber ich kann Soja-Latte-Linsen-Tom nun definitiv nicht mehr in die Augen schauen.

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