Beruf: Christkind

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Prinzipiell bin ich zufrieden mit meinem Beruf. Nur diesen Herbst, da hat es mich gepackt. Zusammen mit den ersten grauen und verregneten Novembertagen kam sie: Die Unzufriedenheit. Hand in Hand mit ihren kleinen Schwestern, der Frustration und dem Selbstmitleid. Ein großes und langwieriges Projekt war abgeschlossen und katapultierte mich postwendend in ein ebenso großes Loch. Etwas Neues wollte nicht so recht funktionieren, mein Girokonto befand sich im Fastenmodus – und dass ich achtzig Prozent meiner Arbeitszeit alleine in meinem kleinen Kabuff saß, trug auch nicht unbedingt positiv zur Gesamtsituation bei. Als ich dann die dritte Woche in Folge in Jogginghosen an meinem Schreibtisch saß und auf meinen leeren Laptop-Bildschirm starrte, beschloss ich, aktiv zu werden: Vielleicht sollte ich mich über den Winter umorientieren. Ich brauchte einen neuen Beruf, vielleicht sogar eine neue Berufung. Etwas, das handfester war, als das Bloggen und kreative Schreiben. Es sollte etwas bedeuten. Die Welt verändern! Eine echte Herausforderung!

Und so wurde ich Christkind.

Zufälligerweise ergab es sich nämlich, dass das echte Münchner Christkindl 2016 furchtbar im Examensstress war. Also sagte ich begeistert für den Job im Christkindlpostamt zu und freute mich darauf, die Wunschzettel von braven Kindern zu beantworten und die Weihnachtspost von ganz München anzunehmen. Alles sehr besinnlich und erfüllend. Und eine hervorragende Gelegenheit, mich aus meinem Loch herauszuziehen.

Die Realität sah allerdings etwas anders aus. Christkindl-Sein ist auch kein Zuckerschlecken – und ein paar wichtige Details wurden mir beim Vertragsabschluss vorenthalten!

Punkt 1: Die Sicherheit am Arbeitsplatz: Schon am ersten Tag als Postamts-Christkindl stellte sich heraus, dass das Tragen von Flügeln für jegliche Tätigkeit, die im Stehen oder Gehen zu erledigen ist, äußerst suboptimal ist. Vor allem der Toilettengang wurde zur Herausforderung! Als ich zum ersten Mal „mal musste“ blieb ich erst mit meinem linken Flügel im Drehkreuz zu den Bezahl-Toiletten stecken. Dann lies ich ein paar Federn, als ich mich durch den engen Gang und an den anderen Damen und Kindern vorbei („Guck mal Mama, des Christkindl muss auch mal bieseln!“) zur Kabine durchschob. Nächstes Problem war das „Einparken“ in ebendieser Toilettenkabine. Mit einem starken Ruck hinterten mich die im Türrahmen verkeilten Flügeln am Eintreten. Ich versuchte es seitlich. Hurra! Funktioniert. Aber jetzt hätte ich mich auch seitlich hinsetzen müssen, denn eine 90–Grad-Wendung funktionierte mit den Flügeln in der engen Kabine nicht. Großartig. Ich fluchte und schwitzte – gab nach zehn Minuten auf und schob mich seitlich wieder aus der Kabine heraus. Ich beschloss, erstmal nichts mehr zu trinken.

Punkt 2: Die repetitiven Tätigkeiten: Hach ja, wie schön hatte ich mir das vorgestellt, mit den besinnlichen Münchnern und den süßen Kindern, die mich im Christkindlpostamt im Rathaus aufsuchen würden. Tatsächlich sind die Münchner Christkindlmärkte zurzeit aber überfüllt mit tausenden Touristen. Und die wollen alle in den Rathausturm. Dummerweise befindet sich der Aufzug zum Turm genau neben meiner Himmelspforte. Und das Schild mit den Eintrittspreisen befindet sich – richtig, direkt rechts neben meinem Fenster. Auch ich selbst finde es unlogisch, dass die Kasse zum Turm dennoch erst oben im vierten Stock ist. Das tröstete mich aber auch nicht, als ich zum gefühlt hundertsten Mal folgenden Satz wiederholen musste: „Die Kasse für den Turm ist im 4. Stock.“. Statt rüstigen Rentnern und knuddeligen Kindern besuchten mich am ersten Tag fast ausschließlich die Turm-Touristen. Und langsam aber sicher fühlte ich mich wie der heilige Papagei, und nicht das heilige Christkindl: „Die Kasse ist im vierten Stock. La caisse est au quatrieme etage. The cashier is on the 4th floor. Per favore – paga sobra!!!“

Punkt 3:  Die gemeingefährlichen Gesundheitsrisiken: Als mein erster Tag als Christkindl fast rum ist, habe ich nicht nur einen angeknacksten Flügel und einen trockenen Mund vom vielen Touristen-zum-Turm-schicken. Ich habe auch das Gefühl, dass ich mir langsam aber sicher eine Gaumenzerrung einhandle, so viel musste ich überfreundlich in diverse Kameras lächeln. Außerdem habe ich vom vielen Winken einem Tennisarm. Ich frage mich: Habe ich als Christkindl überhaupt eine ausreichende Krankenversicherung? Und können solche Verschleißerscheinungen als Arbeitsunfall gelten? Augen auf bei der Berufswahl!

Ich stöhne innerlich auf, als ich merke, dass draußen vor meiner Pforte der Aufsteller umgefallen ist. Schnell flitze ich raus, um alles fix wieder gerade zu rücken. Doch ich bin nicht schnell genug. Sofort jauchzen dutzende Stimmen begeistert auf und mindestens ebensoviele Smartphones und Kameras werden gezückt. Klick, klick, klick. Ich lächle und winke. Zwei Asiatinnen rennen ungefragt zu mir, legen ihre Arme um mich, reißen dabei einen weiteren Büschel Federn aus meinen Flügeln. Cheese! Ich lächle und winke. Ein junger Italiener prescht vor und hält mir die Kamera direkt in’s Gesicht: „Che bella!“ Er starrt lüstern in meinen Ausschnitt. Ich lächle und winke. Eine Gruppe gut mit Glühwein betankter Engländer kommt grölend auf mich zu – und ich kann das Lächeln nur noch schwer aufrecht halten. So eine saudumme Idee, das Christkind machen zu wollen! Ich fühle mich in meinen Erwartungen enttäuscht und überlege schon, eine Christkindl-Gewerkschaft zu gründen. Ganz anders als geplant sind meine alten Freunde, die Unzufriedenheit und das Selbstmitleid stärker als je zuvor. Das ist mit Abstand der dümmste Job, den ich je hatte!

Plötzlich löst sich aus der Menge ein kleines Mädchen, ca. vier Jahre alt. Sie zögert erst schüchtern, wird dann aber von ihrer Mutter vorgeschoben. Sie macht ein paar Schritte auf mich zu – mit einem bunt beklebten Brief in der Hand. Sofort weichen die angetrunkenen Engländer lächelnd zurück und lassen das Mädchen vor.

„Hallo, Christkindl!“

Das Mädchen drückt mir eilig ihren Wunschzettel in die Hand und versteckt sich dann hinter ihrer Mutter, die abgehetzt einen Kinderwagen vorschiebt. „Zum Glück! Ich dachte schon wir schaffen’s nicht mehr bis 18 Uhr.“

Ich lächle das Mädchen nett an und gebe ihr eine Süßigkeit: „Dankeschön! Dann schau ich mal was ich machen kann!“

Das Kind nimmt erneut das Gutti an, dann nickt es ernst und sagt nun so gar nicht mehr schüchtern: „I hätt gern an Roller. Aber mit Gummireifen! Und in weiß.“

„So so.“, ich grinse und krame nochmal ein Gutti aus meiner Rocktasche.

Das Geschwisterchen im Buggy streckt mir strahlend seine klebrige Hand entgegen. Dann patscht es eifrig auf meine Flügel. Ich merke, wie sich der letzte Rest der weißen Federn verabschiedet. Meine Knie schmerzen, mein Mund ist vom Dauerlächeln taub und eigentlich hätte ich seit zehn Minuten Feierabend.

„Wollt ihr noch ein Foto mit dem Christkindl?“ Ich strahle die beiden an.

Und natürlich wollen sie.

Um uns herum ist es komischerweise plötzlich ganz still geworden. Und als ich mich mit den Kindern aufstelle, sind nicht nur alle höflich zurückgewichen. Einer der Touristen bietet sich sofort an, das Foto zu machen, damit sich die Mutter dazustellen kann. Der Italiener, der gerade noch so forsch war, beobachtet die Szenerie nun ehrfürchtig. Und die asiatischen Touristinnen winken den Kindern entzückt zu.

Als das Foto im Kasten ist, verabschiedet sich das Mädchen brav: „Servus Christkindl. Und … pass fei auf dich auf, wennst wieda in Himme naufliagst!“

Ich sichere ihr zu, dass ich ganz vorsichtig und nur streng nach Himmelfahrts-Verkehrsregeln fliegen werde. Das Mädchen ergreift die Hand ihrer Mutter, die mir dankbar zulächelt, und winkt mir im Gehen noch einmal ehrfürchtig strahlend zu. Ich blicke berührt und plötzlich völlig entspannt auf den bunt bemalten Wunschzettel in meiner Hand, mit der Aufschrift „Füa dass Kriskin“.

Es ist der beste Job, den ich je hatte.

 

 

 

 

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