Ach Tinder mir doch einen…Part I.

Wasserhahn (c) KL

Freitag, 20.03., Tag 10

Im Zeitalter der Smartphones braucht man nicht mehr in Bars zu gehen, um jemanden kennenzulernen. Ja, man braucht nicht mal das Haus zu verlassen!

So wurde mir bei meinem Club-Abenteuer neulich die Dating-App „Tinder“ angepriesen. Rein statistisch gesehen ist die Chance, dass man beim „durchswipen“ von an die 15 Singles in der Minute schneller auf jemand Interessanten trifft als auf der Straße, relativ hoch. Rein menschlich gesehen ist eine App, bei der man innerhalb von 2 Sekunden nach einem Foto entscheidet, ob man jemanden interessant findet oder nicht, total demütigend, oberflächig und verwerflich. Zeit, dass ich das mal ausprobiere!

Gut, meine erste Erfahrung mit Tinder ist nicht gerade berauschend. Menschen mit einer Links-Rechts-Schwäche sollte man das Bedienen einer Dating-App, die auf genau diesem Prinzip basiert, prinzipiell verbieten! ( Zur kurzen Erklärung: swipe links = Nein Danke; swipe rechts: Ja bitte.)

Habe also jetzt 25 dubiose Typen in meiner Chatliste. Und ein Kollege im Sender wirft mir nun immer so wissend, lüsterne Blicke auf dem Flur zu. Prost Mahlzeit!

Meine Pärchen-Freunde finden Tinder aber super. Weil ich es auf meinem Handy habe und sie unverbindlich damit rumspielen können. So sitzen wir also diese Woche in meiner geliebten 1,5 –Zimmer Altbau-Wohnung zusammen und – tindern. Das heißt Gitta, mein bester und treuster Kumpel Olli (seit gefühlten 100-Jahren in einer Langzeitbeziehung – too good to be true) und Sammy tindern. Sammy hat beim Swipen auf meinem Handy gerade kichernd das größte Fest: „Shit…he is hot! Fee, schau mal. Hier!“. Ich stelle mein Glas ab, um einen Blick auf den Typen auf dem Display zu werfen, das mir Sammy mit ihrem typisch unwiderstehlich breitem Sammy-Grinsen entgegen hält. Sammy ist Amerikanerin, lebt aber seit drei Jahren hier in München. Sie ist unfassbar klug, begabt, vor allem aber chaotisch und unbremsbar wild. Was als Grafikdesignerin weder schlecht noch förderlich ist. Grad ist bei ihr aber eher Frust statt Designer-Lust angesagt, da sie seit Ende ihres Volontariats leider ohne Job ist. Und da ihr Freund in New York hockt, nutzt sie meine Tinder-App. Hurra!

„I’m telling you…he is smokin‘! Ich mach dir ein Date mit dem, ja…?“, und zack – swipe rechts. Ich stöhne auf. „Wer ist das überhaupt??“. „Relax!“, Sammy stellt ihre pappige Bierflasche auf meinem Couchtisch ab. Relax! Nervös platziere ich die Flasche auf einen meiner zahlreichen Untersetzer um, und wische mit dem Ärmel den Wasserrand vom Tisch. Sammy rollt mit den Augen und Olli grinst sich eins. Er kennt meinen neurotischen Tick seit Jahren, würde mich aber nie damit aufziehen.

„Jetzt schau ihn dir wenigstens mal an, Feli.“, er reicht mir das Handy. Ein erstaunlich un-greisliger, braungebrannter, großgewachsener Brasilianer lächelt mir mit einem perfekten Zahnpastalächeln entgegen. Ich verziehe das Gesicht. „Geht’s noch mehr Klischee??“. Aber Sammys grüne Katzenaugen funkeln mich aufgeregt an: „Ich hab dir den perfekten Mann gefunden. I bet you! Und den triffst du jetzt!“.

Tatsächlich meldet sich Ricardo, so heißt Mr. Zahnpastalächeln, prompt. Die ganzen nächsten zwei Tage überschüttet er mich mit flirtiv-romantischen Sprüchen und macht mir non-stop Komplimente. Ich sei so hübsch, ich habe Humor… typisch Südländer eben (wäre er Engländer wüsste ich, dass er lügt. Engländer sind schließlich grundsätzlich der Meinung, die Deutschen hätten so viel Humor wie ein Stück Sauerteigbrot). Ricardo meint auch, er will mich unbedingt treffen, bevor er in ein paar Tagen erst mal wieder nach Brasilien muss. „Es könnte die große Liebe sein – oder auch ein schöner Nachmittag. Was haben wir zu verlieren?“, schreibt er frech. Ja mein Gott, was ich habe ich zu verlieren?

So treffe ich also einen Tag später den äußert attraktiven, braungebrannten, großgewachsenen Brasilianer – der in Wahrheit ein ziemlich kleiner, pummeliger Brasilianer ist. Und dank Gel in den Haaren, Ray Ben Pilotenbrille und Blingbling-Ohrring so einige weitere (Macho-) Klischees erfüllt. Das ist auch das erste, auf das ich ihn (auf Englisch und ziemlich pikiert) anspreche: „Oh..krass. Du hast ja einen Ohrring!!“.

Richtig gehört. Nicht: „Servus, wie geht`s?“ oder „Schön, dich kennenzulernen“ oder von mir aus auch „Quickie? Gleich da hinten?“. Nein. Ich bin ätzend unhöflich und spreche ihn (mit kaum verhohlener Abneigung) auf seinen Glitzer-Ohrring an. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, erwidert er nur Zahnpasta-strahlend: „Yeah, you like it?“ (der Mann ist scheinbar entweder sehr von sich selbst überzeugt oder einfach etwas langsam). Ich starre ihn fassungslos an : „It’s just…such a girl‘s thing!“. Ich bin wirklich aus der Flirt-Übung…falls ich jemals in Übung war!

Wir spazieren nach diesem holprigen Start vom Marienplatz weiter zu einem meiner Lieblingscafés. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich eigentlich am liebsten wieder heim gehen würde, um mich in einem heißen Bad in meiner frisch geputzten Badewanne von diesem ersten Date-Erlebnis zu erholen. So findest du keinen Mann, Feli! So nicht! Nicht mit dieser Anti-Einstellung! Ricardo starrt mich indes unentwegt an, völlig fasziniert. Als wäre ich Mrs. Superwoman von einem anderen Planeten. Wir sind keine drei Schritte gegangen, da frägt er zum ersten Mal: „And?“. Ja, was denn? „Do you feel a spark?“.

Mr. Bling-Bling-Zahnpastalächeln blickt mich durch die Pilotenbrille erwartungsvoll an. Wie ein kleines Kind, das auf das Christkindl wartet. Hat der mich eben ernsthaft gefragt, ob es bei mir schon funkt?? Wie zur Bestätigung greift er plötzlich meine Hand und drückt sie an seine Brust: „I do! Can you feel my heart beating?!“

In meinem Kopf tippe ich die imaginäre, hasstiradische Textmessage an Sammy, in der ich sie in zwei Sprachen plus Bayerisch verfluche und ihr für dieses super Date danke! Thanks a lot!

Im Folgenden versucht Mr. Bling-Bling mehrfach mich zu küssen, Händchen zu halten (ich HASSE Händchen halten!) oder Liebesbekundungen aus mir rauszuquetschen. Er selbst hat davon mehr als genug auf Lager. Vor allem meine „big brown eyes, more beautiful than the sky“ haben es ihm scheinbar angetan. Ich versuche ihn mehrfach darauf hinzuweisen, dass ich (und jeder andere normale Mensch) mich nicht innerhalb von 5 Minuten unsterblich in jemanden verliebe – und seine Art auch nicht gerade dazu beiträgt. Erst sehr irritiert („Äh…ok. Thanks.“), dann genervt („Look, I really just want to drink a cup of coffee, ok??“) und schließlich – äußerst grantig:

Er: „Give me a kiss!“

Ich: „No, thanks.“

„Please…“

„No.“

„Why not?“

„Because…I don’t know you!“

„Ok. I understand.“

„Thanks.“

30 Sekunden später.

„Just a little one? On the cheek?“

„NOOOO!!!“

An diesem Punkt bin ich schon mehr als bereit, einfach aus dem Fenster im Klo des Cafés zu steigen. Leider sind wir im Turmstüberl und das befindet sich bekanntermaßen 14 Meter hoch im Isartor. Während ich mir also in einem rekordverdächtigen Schneckentempo und mit literweise Flüssigseife die Hände wasche, stelle ich fest: Ich sitze, auch dank meiner grundsätzlichen Höflichkeit, mit einem breit grinsenden, scheinbar liebeswahnsinnigen Blingbling-Ohrring Brasilianer aus einer Dating-App auf 14 Höhenmetern fest. Und ahne noch nicht, dass es noch viel schlimmer kommen wird…

 

 

8 Comments

  1. Sich von anderen Leuten in sein Tindergeschehen reinreden lassen ist ein schlechter Plan, das merkt man irgendwann 🙂
    Die App ist aber nicht unbedingt so schlecht wie ihr Ruf. Davon ab war das ein sehr unterhaltsamer Beitrag!

    1. Bei Tinder ist das wie überall im „Blind Dating“: Der Erfolg hängt immer vom jeweiligen Date-Partner ab 😉 Von daher: Dranbleiben. Und: Danke für das Feedback! Das freut mich sehr 🙂

  2. So Männer gibt es leider viel zu oft… Ich hab auch mal so einen Freak gedatet… da fragt man sich dann: Wie kann man kein bisschen feinfühlig sein und zugleich so verzweifelt?

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